G e d i c h t e

 

Weinheim: Exotenwald

 

Zum Himmel geöffnet

im zartesten Grün -

dahingeweht,

mit einem eingehüllten Versprechen,

tiefverwurzelt fern der Heimat,

erzählt Betrübnis von ihr

und Befremdung und von der

rauen Hand unverständiger Menschen,

gewaltige unfreiwillige Flüchtlinge in Schmerz

verstummt,

sprachlose unsichtbare Sprache

ohne Trauerflor,

nicht suchend, nicht gefunden,

da,

ohne Käfig,

Gefangene einer unfreiwilligen Welt,

unerhört.

Zart nebelgrün aufsteigend,

üppig Mandalas dunkel in den Himmel zeichnend,

jenseits von Vorstellungen.

 

 

*

 

 

Wichtigkeit des Scheingrunds

 

Wie Euer Schweigen

die Erde in den Abgrund reißt

steigt Grauen auf

leeres Nichts sterben

Totgeborene,

erpressender Gleichgültigkeitsunsinn,

Gefängnis ohne Entrinnen

oder die Gemütlichkeit des Wahnsinns

Gähnende Abgründe Langeweile

vorm sonnenbrillengedimmten Licht

Macht fliehender Ohnmacht.

Wollüstiges Verzehren in eitlen Schmerzen.

Nur eines: entfernt bleiben.

Was ist aber dann Frühlingsringen,

Sommerfreude, Herbstleuchten, Winterstille,

das Drehen der Erde wohin?

Die Stimme des Lebens?

Kein Fall ein Erkennen des ihn Aufgebens -

nur ein bösartiges Krallen an den Andersseienden

Lüge zum Ziel erklärt?

Der Versuchung Eigen-Irrsinn eingeschlichnes Gift

dem kollektiv entgegengestorben wird,

vor Scham?

 

 

*

 

 

Orpheischer Hauch?

 

Wie einst -

die Menschheit

Augen, Mund, Ohren verschließt,

als wären sie bereits Schichten im Gestein,

um nichts mehr!

Verblassend in Faulenzen und Sklaverei.

Es geht ein Hauch über die Welt -

aufgehoben, erfüllt von unverdientem Leid

prallend auf die, die nicht leben und sterben

nur nehmen.

Rache gegen Missbrauch

eingeschworen, in die der Weg werden sollten,

die Täter schützend,

trifft sie Gott selbst und metztelt die Hoffnung.

 

 

*

 

 

Rosa

 

Ich bin eine aufgeblühte Schönheit

mein süßer Duft

ist dauernder Sommer

mein Blätterschutz

nach deiner Liebe ausgebreitete Arme,

ich habe eine Stimme

und gebe den Ton in dir an

ich gehe meinen eigenen frechen Weg

ob mit dir oder ohne dich

ob du mich hörst und verstehst

oder nicht

so bin ich auch dein Vermögen

vermehrt oder ausgegeben

abgeschnitten oder

am Busen der Erde ruhend

für immer errötet vor den Wunden

derer, die das Leid der Welt erdulden müssen,

auf dass meine Dornen verletzen,

die meiner nicht wert sind,

vom Himmel gefallen – ihm zustrebend

leicht und schwer, tanzend

ich bin dein ein und alles

ein sagenhafter Anfang

und dein gutes Ende

ich bin was du noch werden musst

aufmerksam bei Tag und Nacht

in Gedanken stets beim Ursprung.

 

 

*

 

 

Ungehört?

 

Was bleibt,

von dem, was die Menschheit erreichte

vom pulsierenden Leben

von Freiheit und Suchen

vom Finden

vom Frieden

von Meinungsverschiedenheiten.

Aus bunt

schwarzweiß

Gruseligkeiten in schwebenden

Melodien

eine in ihnen verlorene Generation

im nackten Grauen

einer sterbenden Sonne,

eine halbe Ewigkeit gezerrt

in gut und böse

ihr Schmerz sinkt

in einer missverstandenen,

toten Liebe zum Meeresgrund.

Kein Wunder.

Aus Eifersucht und Wut.

Waren sie wirklich Eure Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft, die sich

aus den Augen verlor.

Und verhallt der neue Klang ungehört?

 


 

*

 

 

Dieser Liebe war einmal

alles zugetraut

sie blutet aus

all ihre Phasen durchschaut

ich singe mit der Nachtigall des Tages

verwandle

ihre Gesänge in den

suchenden Ton des Lebens

am Ende der Tage

lebst du von gestohlenem Diebesgut

Romeo und Julia

schärfer getrennt als Tag von Nacht

Gräber auf Erden schweigen

welche Augen finden‘s Licht

hinterm Tod dieser Liebe

Es bleibt der Hunger

worum man betrogen

angefangen im Licht – unveränderlich

in mir ausgetragen unter Leid und Schmerzen

 

 

*

 

 

Venus et moi

 

Im Namen der Liebe

inkarnierte Rosenblätter

das erste Beste kreirt

hoffnungsschwer

erfahrungsgenährt

zu ihr und mir

sehnsuchtsvollen Klängen hinterher

Erkenntnisse vermehrt

in ihrem mysterienvollen Grab

in das zu viel eindrang

Galaadgeborgen

geleitende Schritte für eine Menschheit

die kapituliert

der neue Tag findet mich getrennt von ihr

verraten, lange schon verlassen

gehe ich von hier und an ihrer Stelle

dorthin von wo ich her.


 


 

*


 


 

Kaltes Drachenherz

das vom Leiden

schreiender Kinder lebt

sich nur noch fühlt,

wenn es ihre Lieder hört

und ihre Noten spielt,

das ihnen seine bösen Träume borgt,

nur um sich selbst besorgt,

meint, dass es keiner hört,

all dein Unrecht passiert

auf unsere Epoche transkribiert

unsere Liebe daran zerbricht,

die deine ist schlichte Selbstbefriedigung

Was du mir vorgibst – nimm zurück

ich will es nicht.

Du nahmst die geschenkte Rückverbindung

zum Vorwand Gewohnheiten fortzuführen.

Ich sehe dich;

von A bis Z alles zurückgenommen.

Was du dir an Liebe nimmst

ist für mich Selbstbespiegelung.


 

 

*


 

Jahrtausende Verrat

am Heiligsten

isst Land wie Wüste

das Wertvollste weggegeben

hinters Licht geführt

Liebe für Hass mutiert

Menschen zu Zombies

Wellen auf Wellen

Segen verwandelt

in tropfendes Blut

aus Scham

hier gehen Dinge vor

von gefallenen Göttern und so

 

 

*

 

 

Schwerer Vater

 

Wofür das Land

einst stand

Offenheit und Toleranz,

Selbstbewusstsein, Eigenart

vermittelnd zwischen Ost und West -

es wankt der Boden

unter der aufgerufenen Last

schreiende, erstarrte Kinder

an der Eltern Hand.

Und die Fahne erhebt sich

als ein blutrotes Band

wie ein Zeichen eines Untergangs.

 

 

*

 

 

Sie erdrückte dich,

schloss dich ein in sich.

Ihr Schnee wurde deine Droge -

die heisse Sonne erfroren

taut sich nun an dir,

Schneewehe folgt auf Schneewehe.

Wie sollte Licht sein,

wenn du dich mit Dunkelheit umgibst?

Dein Licht erstorben,

das sich allein an Krishna gebiert,

und nicht durch Grausamkeit entzündet,

bist du noch immer so verloren,

mit aller Scham und Schand.

Die einzige Kraft, die heilbringend ist,

greifst du an.

 

 

*

 

 

Sternstunde

 

Gelingt mir auch nicht ein Star zu werden

und fallen auch Stern um Sterne

bleib‘ ich doch meine spirituelle Seele

sind meine Zeilen auch nicht der große Wurf,

bin ich auch von Schemen umzingelt

unterwegs zu seinem Himmel

bin ich doch Teil des Mosaiks,

das Seine Hände fügen

werde ich auch im Schlaf überrascht,

und vermischt,

dass ich mich selbst nicht mehr finde,

ich bleibe Sein Werkstück

in guten und schlechten Zeitaltern,

durch Reinkarnationen und Begebenheiten

der Augiasstall ist ausgemistet.

 

 

*

 

 

Einst stand ich auf einem Felsen

in der Brandung

im Schlaf fallen Wellen über mich her

ich such Halt wie zuvor

und im hellen Sonnenschein das Strahlen

während des Sommertags sie das Grauen jagt

du alles in allen und über allem

du mittendrin und außerhalb

was werde ich sein

schlage auf, träume Fremder Bilder

während der Feuerball den Planeten lichterloh sengt

Kinderschreie hallen ins Leere

erstehe aus diesen Dunkelheiten auf

als hätte ich nicht nach Deinem Plan gefragt

oder brauche ich einfach nur durchzuhalten?

 

 

*

 

 

Liebe stand am Beginn

und so wie später Engel Gott vergaßen

vergaß der Mensch sich

und aus Illusion wurde Selbstzerstörung

 

 

*

 

 

Der Weg

 

Er geht immer wieder anders

und doch gleich

er verbiegt dich nicht

und nimmt dir alles.

Es sind die ganz großen

Fußstapfen in die du trittst

er bringt dich beinahe um

und schleudert dich durch die Gegend

doch du bleibst unbeweglich

du weißt nicht weiter

aber er weiß es für dich (manchmal)

du fällst hin,

er hebt dich auf,

wenn du weiterwillst

er ist zu gut, um wahr zu sein,

a b e r    e r    i s t

über den Dächern der Stadt

und unter ihrem Schutt und Schmutz

im Himmel und in der Hölle

aber wisse der Menschen Hölle ist die schlimmste

 

 

*

 

 

An Paul Celan

 

In Wahrheit steht es schlimmer

um die Menschen und das Menschsein

als je zuvor

sie leben in einem Konzentrationslager

ohne es zu merken

sie lassen geschehen was geschieht

das ich nicht auszusprechen wage

und ich lebe wie einer der nicht leben darf

und ich lebe

trotzdem

aber wie.

Du hast die schneidende Verzweiflung allein

getragen wie viele Dichter vor Dir.

Ich male das Blaue des Himmels,

dass sie wollen

es ist aber das Innere

Ihr Äußeres hat und ist verloren, ihr Veräußertes.

Ich rufe lautlos gegen ihr Vorbehalte

vergebens die Zuflucht nur

im Innern

nicht vollständig unschuldig

aber aufrichtig

 

 

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© Andrea Micheel